Nur leichte Verbesserung der Konjunkturindikatoren
Die wirtschaftliche Lage in Niedersachsen bleibt angespannt. Zwar verzeichnet die IHK-Konjunkturumfrage für das zweite Quartal 2025 eine leichte Verbesserung der Stimmung in der Wirtschaft, von einer echten Trendwende kann jedoch keine Rede sein. Der Konjunkturklimaindikator der niedersächsischen Industrie- und Handelskammern (IHK Niedersachsen) steigt gegenüber dem Vorquartal lediglich um drei Punkte auf 92 – und bleibt damit deutlich unter dem langfristigen Durchschnitt von 98 Zählern.
Geschäftslage noch immer verhalten
Auch wenn der Konjunkturklimaindex einen leichten Anstieg zeigt, bleibt die Lagebeurteilung vieler Unternehmen nüchtern. Lediglich 21 Prozent der befragten Betriebe bewerten ihre derzeitige Geschäftslage als gut, während 54 Prozent diese als befriedigend einstufen. 24 Prozent sprechen sogar von einer schlechten Lage. Im Vergleich zum Vorquartal sind das nur minimale Verschiebungen. Die Geschäftserwartungen haben sich zwar leicht verbessert – von 12 auf 13 Prozent mit positiven Aussichten – doch 27 Prozent der Unternehmen rechnen weiterhin mit einer Verschlechterung ihrer Lage.
IHK mahnt: „Verlässlichkeit statt politischem Zickzackkurs“
Die Hauptgeschäftsführerin der IHK Niedersachsen, Maike Bielfeldt, sieht erste positive Signale in den Reformbemühungen der Bundesregierung, mahnt jedoch zur Konsequenz: „Wirtschaftspolitik muss verlässlich sein. Die Bundesregierung darf nicht in das Hin und Her der Ampel-Regierung zurückfallen.“ Zwar seien mit dem Industriestrompreis erste Schritte in die richtige Richtung gegangen worden, doch insbesondere Handel und Dienstleister fühlten sich weiterhin übergangen. Der bislang gewährte Vertrauensvorschuss stehe auf dem Spiel.
Exportaussichten leicht verbessert – Unsicherheiten bleiben
Ein kleiner Hoffnungsschimmer: Die Exporterwartungen haben sich im Vergleich zum Vorquartal verbessert. Gründe hierfür sind unter anderem das bislang ausgebliebene Eintreten von Zolldrohungen, die in den letzten Monaten für Unsicherheit gesorgt hatten. Dennoch belasten geopolitische Konflikte und instabile Lieferketten die außenwirtschaftlichen Perspektiven weiterhin.
Industrie, Bau und Handel: Unterschiede je nach Branche
Die Industrie kämpft weiterhin mit einem schleppenden Auftragseingang. Während die Elektrotechnik in der Investitionsgüterproduktion zulegt, bleibt die Lage in energieintensiven Branchen wie der chemischen Industrie trotz gesunkener Energiepreise angespannt. Der Bau profitiert vom geplanten Sondervermögen für Infrastrukturprojekte, doch konkrete Aufträge fehlen noch. Im Wohnungsbau sorgt die Kombination aus Bürokratie und Finanzierungshürden weiterhin für Zurückhaltung.
Im Einzelhandel zeigt sich ein leichtes Plus, vor allem im Bereich Nahrungs- und Genussmittel. Apotheken und Sanitätshäuser melden ebenfalls steigende Umsätze. Dagegen blickt der Großhandel deutlich skeptischer in die Zukunft: Besonders beim Import-Export-Geschäft rechnet ein Drittel der Unternehmen mit Rückgängen.
Dienstleistungen und Finanzsektor stabil – Gastronomie unter Druck
Die Lage im Dienstleistungssektor bleibt durchwachsen. Zwar stagnieren die Umsätze, doch die Erwartungen zeigen sich so optimistisch wie seit vier Jahren nicht mehr. Im Bereich Zeitarbeit verbessern sich die Perspektiven spürbar. Der Finanzsektor verzeichnet erneut gute Geschäfte, insbesondere das Kreditgeschäft nimmt zu. Im Gastgewerbe herrscht dagegen eine geteilte Stimmung: Während die Übernachtungszahlen zufriedenstellen, berichten zahlreiche Restaurants von sinkenden Umsätzen – trotz der geplanten Senkung der Umsatzsteuer auf Speisen.
Regionale Konjunkturdaten zeigen zunehmende Ausfälle
Ein Blick in die Wirtschaftsregion Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim verdeutlicht den Ernst der Lage: Laut Daten von Creditreform ist die Zahl der Unternehmensausfälle dort im ersten Halbjahr 2025 um 16 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Die Ausfallquote erreicht mit 1,51 Prozent ein neues Langzeithoch, insbesondere im Baugewerbe (2,58 %) und verarbeitenden Gewerbe (1,68 %). Auch im Handel (1,69 %) zeigt sich der Nachfragerückgang in steigenden Zahlungsausfällen.
Creditreform-Prokurist Armin Trojahn warnt: „Insbesondere in den Bereichen Bau und Industrie spürt man, dass der hiesige Maschinenraum für die wichtigen Branchen unserer Bruttowertschöpfung enorm unter Druck steht.“
Reformdruck steigt – Bürokratieabbau gefordert
Die Forderungen aus der Wirtschaft sind eindeutig: „Mehr Tempo bei Infrastrukturmaßnahmen, weniger Bürokratie und spürbare Strukturreformen – insbesondere in der Sozialversicherung“, so Bielfeldt. Auch Marco Graf, Hauptgeschäftsführer der IHK Osnabrück – Emsland – Grafschaft Bentheim, fordert eine klare Umsetzung angekündigter Maßnahmen: „Ohne konkrete Reformschritte bleibt die Lage weiter angespannt. Die Ankündigungspolitik muss ein Ende haben.“
Besonders scharfe Kritik gibt es an den Plänen zur Stromsteuerreform. Viele Betriebe hatten auf eine spürbare Entlastung gehofft. Die bisher vorgesehenen Änderungen greifen nach Einschätzung der Wirtschaft jedoch viel zu kurz. „Wenn die Bundesregierung das Vertrauen der Wirtschaft nicht schon in den ersten 100 Tagen verspielen will, muss sie die Stromsteuer jetzt auf breiter Basis senken“, betont Graf.
Fazit: Hoffnungsschimmer reicht nicht für Trendwende
Trotz leichter Stimmungsaufhellung bleibt die wirtschaftliche Situation in Niedersachsen angespannt. Der Konjunkturaufschwung bleibt fragil, und ohne mutige, konsequente Reformen droht der wirtschaftliche Stillstand. Die IHK fordert: Planungsverfahren beschleunigen, Investitionen ermöglichen, Bürokratie abbauen – nur so kann die Konjunktur in Niedersachsen wieder Fahrt aufnehmen.
