US-Spirituosenkonzern bietet 5,55 Euro je Aktie und plant späteren Börsenrückzug
Der Getränkehersteller Berentzen aus Haselünne steht vor einem grundlegenden Eigentümerwechsel. Der US-amerikanische Spirituosenkonzern Sazerac will sämtliche Aktien der Berentzen-Gruppe übernehmen. Beide Unternehmen haben dazu am 21. September 2026 eine Zusammenschlussvereinbarung geschlossen.
Die eigens für die Transaktion eingesetzte Bietergesellschaft bietet den Aktionärinnen und Aktionären 5,55 Euro in bar für jede Berentzen-Aktie. Vorstand und Aufsichtsrat des niedersächsischen Getränkeherstellers unterstützen den geplanten Zusammenschluss grundsätzlich. Der Vollzug wird für das vierte Quartal 2026 erwartet.
Noch ist die Übernahme allerdings nicht abgeschlossen. Auch die Annahmefrist für die Aktionäre hat noch nicht begonnen. Zunächst muss Sazerac eine vollständige Angebotsunterlage vorlegen und deren Veröffentlichung von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht gestatten lassen.
Für Haselünne und die Region ist vor allem entscheidend, was mit den Standorten, den Arbeitsplätzen und den verschiedenen Geschäftsbereichen geschieht. Sazerac hat angekündigt, die vorhandenen Standorte weiterbetreiben und durch zusätzliche Investitionen entwickeln zu wollen. Konkrete Investitionssummen oder verbindliche Arbeitsplatzgarantien wurden bislang jedoch nicht veröffentlicht.
Bieterin ist eine deutsche Sazerac-Tochter
Das öffentliche Übernahmeangebot wird formal nicht unmittelbar von der amerikanischen Sazerac Company, Inc. abgegeben. Als Bieterin tritt die Blitz 26-877 GmbH auf. Die Gesellschaft soll künftig Sazerac Germany Holding GmbH heißen und befindet sich vollständig im Besitz von Sazerac.
Dieses Vorgehen ist bei internationalen Übernahmen üblich. Eine deutsche Akquisitionsgesellschaft dient dazu, den Erwerb der Aktien und die spätere Beteiligung an der Zielgesellschaft organisatorisch und rechtlich zu bündeln.
Die Bieterin hat ihre Entscheidung zur Abgabe eines freiwilligen öffentlichen Übernahmeangebots nach dem Wertpapiererwerbs- und Übernahmegesetz bereits formell bekannt gemacht. Diese Mitteilung ist aber noch nicht das eigentliche Angebot. Die rechtsverbindlichen Bedingungen ergeben sich erst aus der Angebotsunterlage.
Darin müssen unter anderem die Finanzierung, die Annahmefrist, die Vollzugsbedingungen und die Absichten des Käufers näher beschrieben werden. Erst nach der Freigabe und Veröffentlichung dieses Dokuments können Aktionäre ihre Berentzen-Aktien wirksam zum Verkauf einreichen.
Angebotspreis liegt 68 Prozent über dem unbeeinflussten Durchschnittskurs
Der angekündigte Angebotspreis beträgt 5,55 Euro je Aktie. Nach Berechnungen der beteiligten Unternehmen entspricht dies einer Prämie von rund 68 Prozent auf den unbeeinflussten, volumengewichteten Xetra-Durchschnittskurs der drei Monate vor dem 16. September 2026.
Der Begriff „unbeeinflusst“ ist hierbei wichtig. Am 16. September hatte Berentzen bestätigt, mit Sazerac über ein mögliches Übernahmeangebot zu verhandeln. Nach Bekanntwerden solcher Gespräche steigt ein Aktienkurs häufig bereits in Erwartung eines Angebots.
Am Freitag vor der offiziellen Übernahmeankündigung schloss die Berentzen-Aktie bei 4,53 Euro. Gegenüber diesem bereits von den Übernahmegesprächen beeinflussten Kurs liegt das Angebot um rund 22,5 Prozent höher. Die genannte Prämie von 68 Prozent bezieht sich dagegen auf den niedrigeren Dreimonatsdurchschnitt vor der Bestätigung der Gespräche.
Nach Bekanntgabe der Zusammenschlussvereinbarung näherte sich die Aktie dem Angebotspreis. Das zeigt, dass Marktteilnehmer dem Vollzug der Transaktion eine hohe Wahrscheinlichkeit beimessen. Vollständig risikolos ist die Differenz zwischen Börsenkurs und Angebotspreis dennoch nicht. Sollte die Übernahme scheitern, könnte der Kurs den eingepreisten Übernahmeaufschlag wieder verlieren.
Eigenkapitalwert von rechnerisch rund 53 Millionen Euro
Das Grundkapital der Berentzen-Gruppe ist in 9,6 Millionen Aktien aufgeteilt. Multipliziert mit dem Angebotspreis von 5,55 Euro ergibt sich ein rechnerischer Wert des gesamten Aktienkapitals von 53,28 Millionen Euro.
Dabei handelt es sich um den angebotenen Eigenkapitalwert. Dieser Wert ist nicht mit dem sogenannten Unternehmenswert oder Enterprise Value gleichzusetzen. Für dessen Ermittlung müssten unter anderem Finanzschulden, liquide Mittel und weitere finanzielle Verpflichtungen berücksichtigt werden.
Berentzen hielt zuletzt 206.309 eigene Aktien. Damit befanden sich rund 9,39 Millionen Aktien außerhalb des Unternehmens. Wie die eigenen Aktien im Rahmen der Transaktion behandelt werden, muss sich aus den endgültigen Angebotsunterlagen ergeben.
Mindestannahmeschwelle von 50 Prozent plus einer Aktie
Das Angebot soll nur vollzogen werden, wenn mindestens 50 Prozent aller Berentzen-Aktien plus eine weitere Aktie angedient werden. Damit will sich Sazerac eine Mehrheitsposition sichern.
Eine einfache Mehrheit würde dem Käufer auf Hauptversammlungen erheblichen Einfluss geben. Sie bedeutet jedoch nicht automatisch, dass Sazerac alle gesellschaftsrechtlichen Entscheidungen allein durchsetzen könnte. Für bestimmte Strukturmaßnahmen verlangt das Aktienrecht höhere Mehrheiten.
Die Übernahmevereinbarung enthält nach den bisher veröffentlichten Informationen marktübliche Vollzugsbedingungen. Regulatorische Freigaben, etwa durch Kartellbehörden, seien nach Angaben der Beteiligten nicht erforderlich.
Die Prüfung der Angebotsunterlage durch die BaFin bleibt davon unberührt. Die Finanzaufsicht entscheidet dabei nicht darüber, ob die Übernahme wirtschaftlich sinnvoll ist. Sie kontrolliert vor allem, ob die gesetzlichen Vorgaben für das öffentliche Angebot und die Information der Aktionäre eingehalten werden.
Vorstand und Aufsichtsrat wollen Angebot voraussichtlich empfehlen
Vorstand und Aufsichtsrat der Berentzen-Gruppe haben der Zusammenschlussvereinbarung zugestimmt und unterstützen die geplante Transaktion. Eine endgültige Annahmeempfehlung liegt dennoch noch nicht vor.
Nach der Veröffentlichung der Angebotsunterlage müssen beide Gremien eine begründete Stellungnahme nach dem Wertpapiererwerbs- und Übernahmegesetz abgeben. Darin haben sie unter anderem den Angebotspreis, die Folgen für das Unternehmen, die Beschäftigten und die Standorte sowie die strategischen Absichten des Bieters zu bewerten.
Die Gremien haben angekündigt, das Angebot vorbehaltlich ihrer gesetzlichen Pflichten empfehlen zu wollen. Sie müssen zuvor jedoch die vollständigen Bedingungen prüfen. Diese Einschränkung ist mehr als eine Formalität, denn die bisherige Vereinbarung ersetzt nicht die spätere rechtliche Bewertung des konkreten Angebots.
Sazerac kündigt Investitionen in bestehende Standorte an
Für die Beschäftigten und die Region ist die Standortfrage besonders wichtig. Sazerac erklärt, die bestehenden Standorte der Berentzen-Gruppe weiterführen und durch höhere Investitionen entwickeln zu wollen. Zudem sollen den bestehenden Marken und Beschäftigten weitere Perspektiven eröffnet werden.
Das ist ein positives Signal, aber noch keine bezifferte Investitionszusage. Auch eine rechtlich verbindliche Beschäftigungs- oder Standortgarantie geht aus den bislang veröffentlichten Unterlagen nicht hervor.
Zum 30. Juni 2026 beschäftigte die Berentzen-Gruppe 418 Menschen. Ein Jahr zuvor waren es 435. Die durchschnittliche Zahl der Vollzeitbeschäftigten lag im ersten Halbjahr 2026 bei 356.
In Haselünne befinden sich der Unternehmenssitz, Teile der Verwaltung, der touristisch genutzte Berentzen Hof und eine Produktionsstätte der Tochtergesellschaft Vivaris für alkoholfreie Getränke. Der Standort besitzt deshalb nicht nur wirtschaftliche, sondern auch historische und touristische Bedeutung für das Emsland.
Die Spirituosenproduktion erfolgt in Minden. Das Werk verfügt nach Angaben von Berentzen über eine Kapazität von mehr als 80 Millionen Flaschen pro Jahr. Dort sitzt außerdem die Tochtergesellschaft Pabst & Richarz, die das Exportgeschäft sowie Handels- und Zweitmarken betreut.
Weitere Standorte befinden sich im österreichischen Linz und in Istanbul. In Linz hat die auf Frischsaftsysteme spezialisierte Citrocasa GmbH ihren Sitz. Die türkische Gesellschaft verantwortet den dortigen Spirituosenvertrieb.
Warum Berentzen für Sazerac interessant ist
Berentzen ist gemessen am Umsatz erheblich kleiner als Sazerac, besitzt aber Strukturen, die für die europäische Expansion des US-Konzerns wertvoll sein können.
Dazu gehören:
- etablierte Spirituosenmarken wie Berentzen und Puschkin,
- umfangreiche Produktions- und Abfüllkapazitäten,
- ein bedeutendes Geschäft mit Handels- und Eigenmarken,
- langjährige Beziehungen zum deutschen Lebensmitteleinzelhandel,
- ein eigenes Vertriebsnetz,
- eine Präsenz in mehr als 60 Ländern,
- sowie Erfahrungen in den Bereichen alkoholfreie Getränke und Frischsaftsysteme.
Sazerac will nach eigenen Angaben künftig auch eigene Marken durch das deutsche Team produzieren und vertreiben lassen. Berentzen könnte damit zu einer europäischen Produktions- und Vertriebsplattform des US-Konzerns werden.
Für Sazerac wäre dies mehr als der Erwerb einzelner Markenrechte. Das Unternehmen erhielte eine operative Struktur mit Produktion, Logistik, Vertrieb, Handelsmarkenkompetenz und bestehenden Kundenbeziehungen.
Berentzen könnte im Gegenzug von der Finanzkraft und dem internationalen Vertriebsnetz des neuen Eigentümers profitieren. Vor allem außerhalb Deutschlands könnten sich zusätzliche Absatzmöglichkeiten für Berentzen- und Puschkin-Produkte ergeben.
Welche Sazerac-Marken konkret in Deutschland hergestellt oder abgefüllt werden sollen, wurde bislang nicht mitgeteilt. Auch zur geplanten Auslastung des Mindener Werks liegen noch keine Zahlen vor.
Große Unterschiede bei Größe und Finanzkraft
Sazerac erzielte 2025 nach eigenen Angaben einen Nettoumsatz von mehr als sechs Milliarden US-Dollar. Berentzen kam im selben Jahr auf einen Konzernumsatz von 162,9 Millionen Euro.
Damit ist der potenzielle Käufer um ein Vielfaches größer als das Übernahmeziel. Aus Sicht von Berentzen könnte diese Finanzkraft helfen, Investitionen in Produkte, Vertrieb und Internationalisierung schneller umzusetzen.
Sazerac verfügt zudem über mehr als 525 Marken. Zum Portfolio gehören unter anderem Buffalo Trace, Eagle Rare, Weller, Fireball Cinnamon Whisky, Southern Comfort, SVEDKA Vodka, Myers’s Rum, BuzzBallz, Paddy’s Irish Whiskey und Au Vodka.
Die Größenverhältnisse zeigen zugleich, dass Berentzen innerhalb des Sazerac-Konzerns nur einen vergleichsweise kleinen Anteil ausmachen würde. Für die regionale Entwicklung wird deshalb entscheidend sein, ob der Käufer Haselünne und Minden dauerhaft als europäische Kompetenz- und Produktionsstandorte ausbaut.
Übernahme kommt in einer wirtschaftlich schwierigen Phase
Die Verhandlungen fallen in eine Phase, in der Berentzen mit deutlichen Umsatz- und Ergebnisrückgängen kämpft.
Im ersten Halbjahr 2026 sank der Konzernumsatz von 79,9 auf 71 Millionen Euro. Das entspricht einem Rückgang von 11,1 Prozent. Das operative Ergebnis vor Zinsen und Steuern verringerte sich von 3,16 Millionen auf 554.000 Euro. Der Rückgang betrug damit 82,5 Prozent.
Unter dem Strich entstand ein Konzernverlust von rund 1,47 Millionen Euro. Im Vorjahreszeitraum hatte Berentzen noch einen Gewinn von 599.000 Euro erzielt.
Die Entwicklung war nicht auf einen einzelnen Geschäftsbereich begrenzt:
- Der Umsatz im klassischen Spirituosensegment fiel um 11,7 Prozent auf 44,4 Millionen Euro.
- Das Geschäft mit alkoholfreien Getränken verlor 9,9 Prozent und erreichte 15,5 Millionen Euro.
- Der Umsatz mit Frischsaftsystemen sank um 14,3 Prozent auf rund 8,1 Millionen Euro.
- Das Spirituosengeschäft in der Türkei wuchs um 3,8 Prozent auf knapp 2,7 Millionen Euro.
Die Rückgänge bei Berentzen fielen damit teilweise stärker aus als die allgemeine Marktschwäche. Der deutsche Spirituosenmarkt verzeichnete im ersten Halbjahr 2026 im Einzelhandel einen Umsatzrückgang von 2,8 Prozent. Das Spirituosensegment der Berentzen-Gruppe verlor dagegen 11,7 Prozent.
Daraus lässt sich ableiten, dass nicht nur die allgemeine Konsumzurückhaltung eine Rolle spielte. Hinzu kamen unternehmens- und markenspezifische Belastungen.
Puschkin und Handelsmarkengeschäft unter Druck
Der Umsatz mit Produkten der Marke Berentzen sank im ersten Halbjahr um 6,3 Prozent. Bei Puschkin betrug das Minus 27,3 Prozent. Das Unternehmen verweist bei Puschkin unter anderem auf vorübergehende Effekte im Zusammenhang mit dem Markenrelaunch zum 1. Juli 2026.
Deutlich schwächer entwickelte sich außerdem das Geschäft mit höherwertigen Handelsmarken. Der Umsatz mit Premium- und Medium-Private-Label-Produkten ging um 28,3 Prozent zurück. Als wesentlichen Grund nennt Berentzen die Entscheidung eines großen deutschen Einzelhandelskunden, für amerikanischen Bourbon einen zweiten Lieferanten aufzunehmen.
Gerade das Handelsmarkengeschäft könnte für Sazerac strategisch interessant sein. Der Käufer verfügt über ein großes internationales Markenportfolio, während Berentzen Erfahrung in der Entwicklung und Produktion kundenspezifischer Produkte für den europäischen Handel einbringt.
Auch Mio Mio konnte sich dem Rückgang nicht entziehen
Im Bereich alkoholfreie Getränke ging der Umsatz der Marke Mio Mio um 5,5 Prozent zurück. Berentzen führt dies vor allem auf die Preissensibilität der Verbraucher zurück.
Bemerkenswert ist, dass der deutsche Markt für alkoholfreie Getränke im ersten Halbjahr insgesamt nominal wuchs. Besonders Sport- und Energiegetränke legten zu. Das Segment Eistee und Mate, dem Mio Mio zugerechnet wird, entwickelte sich dagegen schwach.
Mit der 2026 übernommenen Marke Juma ist Berentzen zusätzlich in den Markt für funktionale Getränke eingestiegen. Im ersten Halbjahr steuerte Juma 211.000 Euro Umsatz bei. Die Größenordnung zeigt, dass die Marke noch am Anfang ihrer Entwicklung steht.
Frischsaftsysteme von internationalen Belastungen betroffen
Auch Citrocasa blieb deutlich hinter dem Vorjahr zurück. Das Geschäft mit Fruchtpressen und Ersatzteilen litt unter geopolitischen Spannungen im Nahen Osten. Projekte wurden verschoben oder vorübergehend ausgesetzt.
Beim Absatz in den USA wirkten sich zudem handelspolitische Belastungen aus. Hinzu kamen geringere Umsätze mit Abfüllsystemen und Orangen. Für das vierte Quartal erwartet Berentzen außerdem Belastungen durch die Auslistung bei einem größeren deutschen Kunden.
Der Geschäftsbereich ist technologisch und international ausgerichtet, passt aber weniger unmittelbar zum Spirituosenschwerpunkt von Sazerac. Welche langfristige Rolle Citrocasa im neuen Konzern spielen soll, gehört deshalb zu den zentralen offenen Fragen.
Das gilt ebenso für Vivaris und das gesamte Geschäft mit Mineralwasser, Limonaden, Mio Mio und Sinalco-Produkten. Die bisher veröffentlichten Aussagen beziehen sich auf die gesamte Berentzen-Gruppe. Eine detaillierte Strategie für die einzelnen Sparten wurde noch nicht vorgestellt.
Jahresprognose deutlich zurückgenommen
Aufgrund der schwachen Entwicklung hatte Berentzen seine Prognose für 2026 bereits im Juli gesenkt.
Statt eines Umsatzes zwischen 163 und 173 Millionen Euro erwartet der Konzern nur noch 151 bis 156 Millionen Euro. Beim operativen Ergebnis wurde die Prognose von sieben bis neun Millionen Euro auf 3,5 bis fünf Millionen Euro reduziert.
Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen soll nun zwischen 12,4 und 13,9 Millionen Euro liegen. Zuvor waren 16,1 bis 18,1 Millionen Euro erwartet worden.
Die Übernahme erfolgt damit nicht aus einer Position kurzfristiger Ertragsstärke. Gleichzeitig ist Berentzen kein Sanierungsfall ohne tragfähiges Geschäft. Das Unternehmen verfügt über bekannte Marken, Produktionskapazitäten, eine solide Marktposition im Handelsmarkengeschäft und mehrere eigenständige Geschäftsfelder.
Für Sazerac bietet sich daher die Möglichkeit, vorhandene Strukturen zu einem im Verhältnis zur eigenen Größe überschaubaren Kaufpreis zu erwerben und mit dem eigenen Markenportfolio zu verbinden.
Berentzen Evolve 2030 dürfte unter neuen Vorzeichen stehen
Ende 2025 hatte Berentzen die Strategie „Berentzen Evolve 2030“ vorgestellt. Ziel waren mehr als 200 Millionen Euro Umsatz und eine operative Marge von mehr als acht Prozent bis 2030.
Die Strategie setzt auf neue Marken und Produkte, zusätzliche Märkte, neue Vertriebskanäle und Kooperationsmodelle. Mit Juma wurde bereits ein erster Schritt in Richtung funktionaler Getränke unternommen.
Durch den Einstieg von Sazerac könnte die Strategie beschleunigt, aber auch verändert werden. Der US-Konzern bringt internationales Markenwissen, größere Finanzmittel und zusätzliche Vertriebswege ein. Gleichzeitig dürfte er eigene Prioritäten setzen.
Ob die bisherigen Finanzziele und die strategische Ausrichtung unverändert fortgeführt werden, ist offen. Nach einer Übernahme und einem Delisting wäre Sazerac nicht verpflichtet, die bisher kommunizierten Ziele in gleicher Weise beizubehalten.
Delisting ist ein eigener Schritt
Nach erfolgreichem Vollzug des Übernahmeangebots beabsichtigt Sazerac, die Berentzen-Aktie von der Börse zu nehmen. Der Vorstand will dieses Vorhaben vorbehaltlich seiner gesetzlichen Pflichten unterstützen.
Das Delisting erfolgt nicht automatisch mit dem Ende des Übernahmeangebots. Es ist ein gesonderter gesellschafts- und kapitalmarktrechtlicher Schritt.
Für Sazerac würde ein Börsenrückzug die Integration erleichtern. Kapitalmarktspezifische Berichts- und Veröffentlichungspflichten könnten reduziert werden. Die allgemeinen handels- und gesellschaftsrechtlichen Rechnungslegungspflichten blieben bestehen.
Für die Region könnte ein Delisting dennoch bedeuten, dass künftig weniger detaillierte Informationen über Umsatz, Ergebnis, Investitionen und strategische Entscheidungen öffentlich verfügbar sind.
Aktionäre, die das Übernahmeangebot nicht annehmen, verlieren ihre Aktien nicht automatisch. Sie bleiben zunächst Anteilseigner. Nach einem Delisting kann die Handelbarkeit jedoch deutlich abnehmen. Ein späterer Ausschluss von Minderheitsaktionären, ein sogenannter Squeeze-out, würde zusätzliche rechtliche Voraussetzungen und entsprechende Mehrheiten erfordern. Ein solcher Schritt wurde bisher nicht angekündigt.
Chancen und offene Fragen für Haselünne und Minden
Die Übernahme bietet die Chance, die deutschen Standorte stärker in ein internationales Produktions- und Vertriebsnetz einzubinden. Zusätzliche Sazerac-Marken könnten neue Produktionsmengen schaffen. Berentzen-Produkte könnten Zugang zu weiteren Auslandsmärkten erhalten.
Für eine abschließende Bewertung fehlen aber noch wesentliche Informationen:
- Welche Investitionen sind für Haselünne und Minden vorgesehen?
- Gibt es langfristige Zusagen für Beschäftigung und Ausbildung?
- Welche Sazerac-Produkte sollen in Deutschland hergestellt werden?
- Bleiben Verwaltung und zentrale Konzernfunktionen in Haselünne?
- Wie sollen Vivaris, Mio Mio und Citrocasa weiterentwickelt werden?
- Welche Rolle spielt das Handelsmarkengeschäft in der europäischen Sazerac-Strategie?
- Bleibt die bisherige Konzernstrategie gültig?
- Welche zusätzlichen Bedingungen enthält die Angebotsunterlage?
Die bisherige Kommunikation spricht für eine industrielle Weiterentwicklung und nicht für eine kurzfristige Zerschlagung. Mehr als eine strategische Absicht lässt sich daraus derzeit aber nicht ableiten. Belastbare Aussagen werden erst möglich sein, wenn die vollständige Angebotsunterlage und die begründete Stellungnahme von Vorstand und Aufsichtsrat vorliegen.
Hintergrund: Die Berentzen-Gruppe
Die Geschichte des Unternehmens reicht bis 1758 zurück. Eine historische Niederschrift über die Haselünner Brennereien nennt damals auch den Betrieb, den Johann Bernhard Berentzen wenig später übernahm.
1976 gelang mit Berentzen Apfelkorn der bundesweite Durchbruch. Das Produkt entwickelte sich zu einer der erfolgreichsten Neueinführungen auf dem deutschen Spirituosenmarkt der Nachkriegszeit. Bereits 1979 begann das Unternehmen mit dem systematischen Aufbau des Auslandsgeschäfts.
Die heutige Berentzen-Gruppe entstand 1988 durch den Zusammenschluss von I. B. Berentzen mit Pabst & Richarz. In den folgenden Jahren wurde das Portfolio unter anderem um Puschkin Vodka, Doornkaat, Bommerlunder, Dirty Harry und weitere Traditionsmarken erweitert.
1993 wurde das Unternehmen in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Seit Juni 1994 wird die Berentzen-Aktie an der Börse gehandelt.
Über die Tochtergesellschaft Vivaris ist die Gruppe auch im Markt für Mineralwasser, Limonaden und koffeinhaltige Getränke tätig. Zu den bekanntesten Marken gehört Mio Mio. Vivaris ist zudem Konzessionspartner für Sinalco-Produkte.
Seit der Übernahme von Citrocasa im Jahr 2014 gehören Fruchtpressen, unbehandelte Orangen und Abfüllsysteme für frisch gepressten Orangensaft zum Konzern.
Hintergrund: Der Käufer Sazerac
Sazerac wurde 1850 in New Orleans gegründet. Der Konzern befindet sich in Familienbesitz und hat seinen Hauptsitz heute in Louisville im US-Bundesstaat Kentucky.
Das Unternehmen gehört zu den weltweit größten Spirituosenherstellern. Zum Portfolio zählen mehr als 525 Marken. Sazerac betreibt Brennereien und Produktionsstandorte unter anderem in den USA, Frankreich, Indien und Irland.
Der Konzern ist in den vergangenen Jahren auch durch Zukäufe gewachsen. Zu den europäischen Beteiligungen gehören The Last Drop Distillers sowie die Hawk’s Rock Distillery in Irland. Im September 2026 schloss Sazerac die Übernahme des britischen Herstellers Au Vodka ab. Nach Informationen von Reuters lag die Bewertung dabei bei mehr als 300 Millionen britischen Pfund. Diese Summe wurde nicht offiziell von den Unternehmen bestätigt.
Im selben Jahr versuchte Sazerac, den Hersteller Brown-Forman zu übernehmen, zu dessen Marken Jack Daniel’s und Woodford Reserve gehören. Das Barangebot bewertete Brown-Forman mit rund 15 Milliarden US-Dollar, wurde von dessen Führung und den kontrollierenden Familienaktionären jedoch zurückgewiesen.
Die Transaktionen zeigen, dass Sazerac seine internationale Präsenz derzeit gezielt ausbauen will. Der geplante Erwerb von Berentzen wäre finanziell deutlich kleiner, könnte für den Aufbau einer europäischen Produktions- und Vertriebsplattform aber strategisch relevant sein.
So geht es im Übernahmeverfahren weiter
Die nächsten Schritte folgen einem geregelten Verfahren:
- Die Bieterin erstellt die vollständige Angebotsunterlage.
- Die BaFin prüft die Unterlage und entscheidet über deren Veröffentlichung.
- Nach der Gestattung wird das Angebot offiziell veröffentlicht.
- Die Aktionäre können innerhalb der festgelegten Frist entscheiden, ob sie ihre Aktien andienen.
- Vorstand und Aufsichtsrat veröffentlichen ihre begründete Stellungnahme.
- Nach Ablauf der Annahmefrist wird geprüft, ob die Mindestannahmeschwelle und die übrigen Bedingungen erfüllt sind.
- Bei erfolgreichem Vollzug gehen die angedienten Aktien gegen Zahlung des Angebotspreises an die Bieterin über.
- Anschließend kann Sazerac das angekündigte Delisting verfolgen.
Bis zur Veröffentlichung der Angebotsunterlage sollten weder der genaue Zeitplan noch der Vollzug als endgültig betrachtet werden.
Quellen und weiterführende Unterlagen
- Gemeinsame Pressemitteilung von Berentzen und Sazerac vom 21. September 2026
- Ad-hoc-Mitteilung zur Zusammenschlussvereinbarung
- Formelle Entscheidung zur Abgabe des Übernahmeangebots
- Informationsseite der Berentzen-Gruppe zum Übernahmeangebot
- Halbjahresfinanzbericht der Berentzen-Gruppe 2026
- Standorte der Berentzen-Gruppe
- Unternehmensgeschichte der Berentzen-Gruppe
- Reuters zur angekündigten Berentzen-Übernahme
- Reuters zur Übernahme von Au Vodka durch Sazerac
- Reuters zum abgelehnten Brown-Forman-Angebot
